Wunderwelt Vinschgau – Biken auf der heißen Seite der Alpen

0
Auf dem Sprung von St. Martin nach Latsch

Auf dem Sprung von St. Martin nach Latsch – Biken im Vinschgau

Wunderwelt Vinschgau – Biken auf der heißen Seite der Alpen

Freeriden am Sonnenberg – hier hat die Wunderwelt Vinschgau für Biker von März bis November geöffnet

Großes Kino – Freeride Spaß am Sonnenberg im Vinschgau

Warum eigentlich jedes Jahr auf das Season-Opening am Gardasee warten, wenn die Trails und Touren im Vinschgau in der Regel schon im März ihre Türen öffnen? Das Vinschgau ist die sonnenreichste und regenärmste Region der Alpen. Dank des milden Klimas dauert die Bikesaison hier von März bis in den Spätherbst. Der Sache kann man ja mal auf den Zahn fühlen und wir versuchen uns Anfang Oktober dem Thema Vinschgau Bike einen Besuch abzustatten. Wir haben uns dazu entschieden, mit “Trailmaster” Martin Pirhofer, Besitzer des Bike Hotels Jagdhof in Latsch, eine trailige Variante auf den Südhängen des Tals zu testen. Morgens um neun stehe ich in der Lobby des Hotel Jagdhof in Latsch. Martins hochwertiges Fully und die aus den Bike-Hosen hervorquellenden Oberschenkel lassen nichts Gutes ahnen. Bestimmt ist Martin, wie er sich mit einem kräftigem Händedruck vorstellt, einer dieser italienischen Cross-Country-Raketen. Wir haben am gestrigen Abend vereinbart, das er mir ein Freeride-Einsteiger-Highlight der Region zeigen wird. Nach kurzer Diskussion einigen wir uns auf eine eher harmlos aussehende, kürzere Tour, oberhalb von Latsch, die weite Blicke ermöglicht und uns nach St. Martin zum Sonnenberg führt.

Wegweiser und Gebotsschilder - im Vinschgau ist die Beschilderung für Biker und Wanderer vorbildlich gelöst

Wegweiser und Gebotsschilder – im Vinschgau ist die Beschilderung für Biker und Wanderer vorbildlich gelöst

Hier lacht die Sonne und das Freerider-Herz

Zum Glück legen wir den Asphaltanstieg hinauf zur einstiegen Bergknappensiedlung schweißsparend im Shuttle zurück. In unzähligen Kehre schraubt sich die kleine Provinzstraße den Berg hinauf. Exakt 1.000 Höhenmeter später stehen wir am Startpunkt des Annenberg-Trails (Cas. di S. Anna Trail). Die Aussicht auf den Obervinschgau, auf das Martelltal und auf die Ortlergruppe ist hingegen die natürliche Attraktion des Vinschgaus. Großes Panoramakino. Martin erklärt mir die Beschilderung, die im wahrstem Sinne des Wortes “wegweisend” für den Vinschgau ist und Vorbild für andere italienische Regionen werden soll. “Trail Tolarance” regelt des einvernehmliche Miteinander der Biker und Wanderer. “Klare und einfach Regeln” führt Martin weiter aus. An manchen Trails am Sonnenberg gibt es zeitliches und gleichzeitiges paritätisches Benutzen der Wege und Pfade, zwischen 10.00 und 14.00 Uhr hingegen bleibt die Strecke den Wanderern vorbehalten. Hält sich jeder dran, gewinnen alle. Und es funktioniert. Manchmal hilft es eben, sich den Dingen über sein Gegenteil zu nähern, und sie dadurch besser zu begreifen. Es ist darum mehr ein Gebot denn Verbot, schließlich ist man sich der Bedeutung der pedalierenden Gäste für die lokale Wirtschaft auch im bewusst.

Sonnenberg TrailsTeilweise führt der Trail im oberen Teil durch Schattenspiele im Wald

Sonnenberg Trails -teilweise führt der Trail im oberen Teil durch Schattenspiele im Wald

Spielwiese mit Aussicht – der Annaberg Trail

Als Martin kurz darauf gemächlich mit der Kette auf dem mittleren Blatt die Abfahrt beginnt, weiß ich wieder, dass ich in der richtigen Sportart gelandet bin. Mehr Spaß und Adrenalin bekommt man in wenigen anderen Sportarten so einfach und gratis mit dazu. Leichtes Gefälle, oft ein handtuchbreiter Pfad, der keine Mühe hat, seinen Weg durchs Labyrinth zu finden. Blaue-Linie Annaberg heißt der Traum von einem Single-Trail, der mal verblockt, mal mit einem herrlichen Flow durch die Wälder unterhalb von St. Martin fließt. Auf dem Geläuf sind gerade mal so viel Steine und später im Wald Wurzeln drapiert, das man konzentriert bleibt, aber nicht überfordert wird. Ab und an passieren wir die schwarze Variante der Abfahrt, ein Blick sagt Martin, das ich die Glücksgefühle der blauen Linie weiter auskosten will. Später geht es in einigen heftigeren Kehren und über ein paar höhere Stufen weiter in Richtung Almwiese. An kniffligen Stellen wartet der Local und sieht mir lieber zu, wie ich auf meinem 160er-Fully um die Spitzkehren und über die Steinplatten zirkle. “Das habe ich mir gedacht, dass dir der Weg gefällt” ruft Martin mir noch zu und stürzt sich in die nächste Teilpassage. Er scheint nicht nur jede Wurzel zu kennen, er kennt sie auch. Schließlich ist er zusammen mit anderen Bike-Guides aus dem Vinschgau für den Erbau und Erhalt der Trails in der Region verantwortlich. Martin war maßgeblich an der Ausarbeitung und Beschilderung beteiligt. Wie er das alles unter einen Hut bringt, ist mir ein Rätsel. Aber offenbar bleibt neben dem Hotel noch reichlich Zeit zum Biken, wie sein schmerzbefreiter Downhill-Stil beweist.

Ich habe Mühe, an seinem Hinterrad zu bleiben. Erst auf den traumhaft dahinfließendem Trail im mittleren Teil, der deutlich weniger steil ist, wird es besser. Martin lässt vor den Kurven einfach sehr lange das Gas stehen, man merkt, das er nicht zum ersten mal auf 160 Millimetern Federweg über die Trails des Vinschgaus surft. Gänsehaut stellt sich dann wieder im letzten Teil der Strecke ein. Der Trail nimmt zum großen Finale nochmals richtig Fahrt auf, über Kalkplatten geht es in Richtung Zielpunkt der Strecke hinab. Eine besondere Note hat die Tour schon deshalb, weil immer wieder der Blick auf die Nordhänge des Vinschgaus und die Spitzen der Ortlergruppe frei werden. Der Sonnenberg, die heißeste Seite der Alpen, ist perfekt an die flirrende Hitze mit Bodentemperaturen von bis zu 70°C im Sommer angepasst: Trockenrasengesellschaften mit Steppengräsern, Flaumeichen und Zwergsträuchern sind das Zuhause zahlloser Insekten- und Reptilienarten. Als wir in Latsch einrollen, liegen gut zwei Stunden feinstes Freeride hinter uns. “Mehr als ein Appetithappen für die Bikeregion”, denke ich. Definitiv bekommt man Heißhunger, hier mehr Trails zu erkunden.

Vinschgau Bike - großes Panorama und Trailspaß vom Feinsten

Vinschgau Bike – großes Panorama und Trailspaß vom Feinsten

Fazit: Vinschgau Bike

Mehr als eine Alternative zum Gardasee, denn die Region in Südtirol würzt das milde Klima mit Traumtrails und feinen Tagestouren nach jedem Geschmack ab. Dabei kann man wählen, ob man in den hochgelegenen Regionen des Ortlers oder des Nationalparks Stilfser Joch unterwegs sein möchte, oder die knackigen Flowtrails am Sonnenberg angehen möchte. Auch ohne offizielle Weihen ist das Vinschgau ein Traum für Mountainbiker, das ganze Gebiet präsentiert sich viel ruhiger und vor allem im Hochsommer nicht so überlaufen wie wie die Hot Spots in den Alpen. “Mir wird nie langweilig, auch wenn ich hier schon mehrere Jahre unterwegs bin. Die Landschaft ist wunderschön, und ich entdecke immer noch neue Trails, die ich einmal ins Wegenetz integrieren will” führt Martin bei einem Abschieds-Cappuccino aus. Es wird Zeit, arrivederci zu sagen. Was bleibt, sind ganz neue Eindrücke von der Vinschgau-Region und der Gewissheit, ein neues Revier für sich entdeckt zu haben. Bestärkt wird der Wunsch durch die Entscheidung, bei der nächsten Fahrt in den Süden wieder ins Vinschgau abzubiegen. Schwermütig verabschiede mich von Martin. Heimvorteil heißt das, wenn man vor der Tür hat, wonach andere lange suchen müssen.

Freeride Trails zwischen Lärchen und Kalkplatten - wer nicht gegen die Uhr fährt, kann das Panorama genießen

Freeride Trails zwischen Lärchen und Kalkplatten – wer nicht gegen die Uhr fährt, kann das Panorama genießen

Infos zum Vinschgau

Die Waalwege

Ohne künstliche Bewässerung wächst am Sonnenberg gar nichts. Heute wird das Wasser zumeist über sichtbare und unterirdisch verlaufende Wasserleitungen transportiert. Zur Bewässerung des sehr trockenen Vinschgaus zweigte man in früheren Zeiten das Wasser aus den Bergbächen über die “Waale” ab. Diese Bewässerungsmethode – offene Bewässerungskanäle verliefen mit nur geringem Gefälle am Rande eines Wirtschaftsweges entlang, der zur Wartung der “Waale” angelegt wurde, machte es möglich, das Tal zu bewässern und dauerhaft fruchtbarer zu halten. Die Waalwege sind in der Regel für Mountainbiker gesperrt, zumindest du großen und tief im Tal verlaufenden, wie der Vinschgauer Waalweg. Auf kleineren, stillgelegten Waalwegen, sind im Laufe der Jahre schöne Flowtrails entstanden. Die Bike-Markierungen gibt einem Hinweise, ob der Weg befahrbar ist oder nicht. Im Zweifelsfall haben hier Wanderer Vorrang.

Die Burgen im Vinschgau

Historisch bedeutsam war das Vinschgau schon immer und diese Bedeutung lässt sich heute an den vielen Burgen ablesen. An manche der rund 40 Burgen und Schlösser erinnern heute nur noch Ruinen und bauliche Überreste, andere wurden durch laufende Nutzung und Restaurierung vor dem Verfall bewahrt.  Eines der besterhaltenen Schlösser Südtirols ist die Churburg bei Schluderns. Im 13. Jh. errichtet, wurde die mittelalterliche Anlage zu einer prunkvollen Renaissanceresidenz umgebaut. Auch das Bildungszentrum Schloss Goldrain geht auf eine romanische Burganlage aus dem 11. Jh. zurück. Kastelbell hat dem Schloss nicht nur seinen Namen zu verdanken, auch das Ortsbild ist gänzlich von der trutzigen Anlage am Fels bestimmt. Die Burg ist heute in Landesbesitz und beherbergt eine Dauerausstellung über die angrenzende Römerstraße Via Claudia Augusta. Einen Besuch lohnen auch die Burgruine der einstigen Trutzfeste Lichtenberg und Schloss Rotund in Taufers im Münstertal, eine der höchstgelegenen Burgen Tirols.

Die Bauernhöfe im Vinschgau

Wer auf zum Thema “Vinschgau Bike” am Sonnenberg unterwegs ist, sollte unbedingt eine Jause in einer der zahlreichen Bauernhöfen in der Region einlegen. Wer hier Restaurants oder gehobene Gastronomie erwartet, wird genau das nicht vorfinden. Die Bauernhöfe werden in der Regel von den Besitzern als Nebenerwerb betrieben, eine Speisenkarte wird man oft vergeblich suchen. Man isst, was es gibt – etwa einen Apfelkuchen, den die Bäuerin aus der frischen Ernte der berühmten Vinschgauer Äpfel gebacken hat. Ursprünglich und rustikal eben, aber das Ausblick ins Tal ist majestätisch.

Der Bike Hot Spot Vinschgau

Anreise mit dem Auto:

Über den Brenner bis Bozen, dann über Meran nach Latsch. Alternativ vom Inntal über den Reschenpass und dann in das Vinschgau.

Anreise mit dem Zug: 

Über Bozen und Meran und mit dem Vinschgerzug nach Latsch.

Übernachtungen / Vinschgau Bike

Eine gute Übersicht für Bike-Hotels im Tal gibt es unter www.vinschgaubike.com oder unter www.bike-holidays.com. Wir waren während der Tour im Hotel Jagdhof (www.jagdhof.com) untergebracht. Im Aktiv & Spa Resort in Latsch findet man ein Hotel, das sich im Sommer ganz dem Mountainbike verschrieben hat. Martin Pirhofer ist weit über die Grenzen als Mountainbike-Guide und Förder der Bike-Region Vinschgau bekannt. Vom Hotel aus starten täglich geführte Bike-Touren in die Region.

Bike Hotels Südtirol

Egal ob Freerider, Mountainbiker oder Genussradler. Die Gastgeber der Bike Hotels Südtirol sind selbst eingefleischte Bikefans und zeigen an den durchschnittlich 300 Sonnentagen pro Jahr im Vinschgau den Gästen die besten Singletrails, Pässe und Touren im Vinschgau. Mehr Infos unter www.bikehotels.it

Wunderwelt Vinschgau – Biken auf der heißen Seite der Alpen: 1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
5,00 von 5 Punkten, basierend auf 7 abgegebenen Stimmen.
Weitersagen:

Kommentare