.... HTML ...

Der Mont Blanc Normalweg: Auf das Dach der Alpen – ein Erlebnisbericht

0
Gletscherquerung im Mont Blanc Massiv

Gletscherquerung im Mont Blanc Massiv

Mont Blanc Normalweg: Auf das Dach der Alpen

Fünf Tage auf dem Mont Blanc Massiv – Aufstieg über den Normalweg

Die Besteigung des Mont Blanc – höchster Berg in den Alpen. Der Aufstieg zum “Mont Blanc Normalweg”:  Auf dieser Hochtour, bei der Ivo Meier von der Bergschule Alpinewelten – Die Bergführer die Seilschaft angeführt hat, habe ich Ivo, Hans, und die ihm mit gehörende Bergschule, schätzen gelernt. Gut ein halbes Jahr später klingelt das Telefon. Hans Honold und ich haben die Idee, das ich nochmals den Anstieg auf ihre “Majestät” wage und die Erlebnisse in einem Bericht zusammen fasse. Die Freude war natürlich riesig – früher ein Traum, jetzt die Chance, ein zweites Mal binnen eines Jahres auf dem Dach der Alpen zu stehen. Prompt sage ich zu – knapp eine Woche Vorbereitung bleiben noch, um die Besteigung gemeinsam mit dem Bergführer Stefan Biggel, und Bernd aus Kärnten anzugehen. Meine Erlebnisse und Erfahrungen – auch wenn sie am letzten Tag nicht von Erfolg gekrönt waren – habe ich in einer Art Tagebuch festgehalten. Fragen und Anregungen gerne über das Kommentarfeld.

 

Mont Blanc Normalweg: Die Gletscher bei Argentiere

Mont Blanc Normalweg: Die Gletscher bei Argentiere

Mont Blanc Normalweg: Tag 1 – Le Tour zum  Refuge Albert 1er (2.706  Meter)

Wochenende. Der Wecker klingelt trotzdem. Und noch früher als sonst. 6 Uhr! Nach wenigen Sekunden fällt mir der Grund wieder ein. Mont Blanc! Das Dach der Alpen. Genau 4.810 Gründe, schnell aufzustehen. Seit dem Vorabend liegt zum Glück alles gut vorbereitet im Flur. Rucksack für den Aufstieg, Ersatztasche für die Bergsteigerklamotten und eine Tasche für das normale Leben. Sechs Stunden Anfahrt bis nach Frankreich, Chamonix stehen an. Nach 30 Minuten sitze ich im Auto. Die Sonne geht auf, und ich fange an mich zu freuen, auf Schnee, Berge, den Berg! Meine Anreise startet in München. Bodensee, Österreich, dann die Schweiz, mit dem monotonsten und strengsten Tempolimit in Europa. Fünf Stunden später befinde ich mich an einer Raststätte am Fuße des Mont Blanc-Massivs. Noch sieht man nichts als ein paar bewaldete Berge, nichts weisst darauf hin, das hier, 4.200 Meter höher, eine Eiskuppe liegt, die das Dach der Alpen beschreibt. Ich kenne die Raststätte. Vor gut sieben Monaten bin ich die selbe Strecke gefahren – biologisch und zeitlich gesehen habe ich an den gleichen Raststätten gehalten. Gewohnheitstier, der Mensch, denke ich. Die Auffahrt nach Chamonix ist eine willkommen Abwechslung von der Monotonie der Autobahn. Ein Pass, viele Kurven, kleine Dörfer, viel Gas. Kurz vor Argentiere geht’s zum Treffpunkt. Le Tour. Ski-, und im Sommer, Downhill-Paradies. Auf Grund der Unterlagen weiß ich, das ich Bernd, den zweiten Gast, und Stefan, unserem Bergführer, dort treffen werde. Eine kurze sms an Stefan, das ich da bin, samt kurzem Kaffee, und 20 Minuten später sitzen wir in der Halbsonne zusammen. Die “Seilschaft” für die nächsten sechs Tage mit dem Ziel, auf den höchsten Berg der Alpen zu steigen.

Ich bin mir ziemlich sicher, das ich persönlich alles dabei habe. Bernd, Ende 20, auch. Ein paar Karabiner und Bandschlingen hängen an den Materialschlaufen. Schaut gut aus. Der Mann weiß was er will. Hinauf. Bergführer sind für mich heilig, die können alles, was ich nicht kann. So auch Stefan. Mir wird schnell klar, dem laufe ich nicht weg. Das ist aber auch nicht das Ziel – ich will ja rauflaufen. Und Stefan wird sich professionell unser annehmen. Wir trinken einen weiteren Kaffee und Stefan checkt routiniert das Wichtigste an Material. Die drei K: Kondition, Klettergurt, Kleidung. 20 Minuten später fahren wir los. Das Ziel für den heutigen Nachmittag ist das Refuge Albert 1er auf 2.706 Meter. Wie angenehm, das die Gondel samt anschließendem 4-Sitzer den größten Teil des Aufstiegs übernehmen. Ab der Bergstation geht es dann los. Wir wandern quer den Hang entlang, leichter Nebel zieht auf. Genau genommen sind es Wolken. Stefan voran, Bernd und ich hinterher. Aus Erfahrung weiß ich, der weitaus angenehmste Teil der nächsten sechs Tage. Ein paar Schneefelder liegen wie Minenfelder vor uns. Nur nicht wegrutschen, sonst lande ich wieder in Le Tour, denke ich. Die Moräne, die das letzte Drittel gen Albert 1er markiert, ist im Vergleich zum Oktober noch tief verschneit. Und das Mitte Juni. Wir kommen gut voran und erreichen knapp drei Stunden später die Unterkunft für die erste Nacht. Die Hütte ist im Umbau. Gut so, denke nicht nur ich. Beim Abendessen bespricht Stefan mit uns die Etappe für morgen. Startzeit, Wetter, Ziel. Der Abend klingt gemütlich bei Kronenburg aus. Details und Tourbeschreibung.

 

Mont Blanc - auf die Agiulle de Tour

Mont Blanc – auf die Aiguille du Tour

Mont Blanc Normalweg Tag 2:  Refuge Albert 1er (2.706 Meter) zur Cabane du Trient (3.170 Meter)

5.00 Uhr. Der Wecker klingelt nicht. Braucht er auch nicht. Albert Premiere ist ein Wecker. Wir sind für das Frühstück um 7.15 Uhr angemeldet. Bernd und ich verkürzen uns die Zeit mit Kennen lernen und “gestohlenem” Tee. Bernd klettert viel – ist sogar Kletter-Ausbilder. Daher die vielen Karabiner. Gelernt ist eben gelernt. Ich beschließe, so viel wie möglich von Stefan und Bernd im Laufe der Woche an Wissen mitzunehmen. Pünktlich um 8 geht es los. Der Schnee und das Eis reichen runter bis zur Hütte – 2,5 Meter, immer noch. Und das im Juni. Heißt für uns drei: Steigeisen ab Terrasse. Ich freue mich, endlich geht es los mit den Hochtouren. Irgendwie mag ich Berge – aber eine gescheite Hochtour ist der persönliche Gipfel. Wir erreichen den Rand des Trientgletschers. Stefan kennt die Gegend wie aus seiner Mittenwalder-Westenstasche und wir “verseilen” uns. Ich gehe gerne hinten, Stefan sowieso vorne, Bernd findet sich also im Mittelfeld wieder. Leider zieht neben den Wolken auch erster Schnee in das Massiv. Wir drei haben ungefähr den gleichen Schritt – oder anders ausgedrückt: Stefan gibt das Tempo vor. Ein guter Bergführer rennt nie, gerade nicht am Anfang. Kräfte einteilen, erstmal checken, wer da hinten so am Seil hängt. Zeit ist genug, das fest zu stellen und die Tagesstrecke ist nicht übermäßig lang. Wir erreichen den ersten ernsthaften Anstieg – circa 35 Grad und 400 Höhenmeter hinauf bis zu einer Scharte. Kenn ich doch vom letzten Mal. Das Seil wird kürzer, Pickel raus und mit gutem Tempo sind wir in 30 Minuten oben. Während hier letztes Mal noch die Sonne auf den nun frei werdenden Trientgletscher schien, heute genau das Gegenteil. Schneegestöber und kaum Sicht. Das hindert uns aber nicht an unserer ersten Pause, die leider wegen des Schneefalls etwas verkürzt ausfällt. Wir stapfen weiter. Wo im Herbst eine Gletscherspalte neben der nächsten auftaucht ist jetzt nichts zu sehen. Zu viel Schnee in den Spalten. Gut so. Wir gehen am “langen” Seil und man kommt schnell in einen gemütlichen Tritt. Die Richtung kenne ich noch grob, aber die Sicht beschränkt sich auf wenige Meter. Irgendwann bleiben wir stehen. Man kann deutlich das Gebirgsmassiv vor uns sehen, aber nur undeutlich, welches genau. Stefan nimmt das GPS zu Hilfe. Nach ein paar Minuten hat es sich eingekreiselt und wir halten mit der elektronischen Peilung direkt auf die etwas erhöhte Cabene du Tour zu. Wir merken, das wir nicht alleine und suchend sind. Eine Gruppe mit einem französischem Bergführer nimmt die Verfolgung auf. Eine Frage der Ehre, das wir als erste den kurzen Anstieg zur Hütte vor den anderen da sein wollen und Stefan zieht für 20 Minuten das Tempo an.

Die schweizer Hütte hat im Vergleich zur weiter unten gelegenen Albert 1er zwei Vorteile. Einen kleinen und einen großen. Sie liegt gut 400 Meter höher und ist damit besser für die Akklimatisierung geeignet, und .. sie wirkt gegen das französische Pendant wie ein Hotel. Geräumige Schlafräume, großer Esssaal, eigene Speisenkarte. Cappuccino und eine kleine Mahlzeit stehen am Nachmittag auf dem Programm. Wir diskutieren mögliche Aufstiegsrouten. Die Variante über die Cosmiques Hütte, doch über den Normalweg – obwohl die neue Gouter Hütte wegen technischer Probleme noch nicht geöffnet ist. Mit graut bei dem Gedanken, in der Ref. de l´Aiguille du Gouter zu nächtigen. Eine Nacht in dem Wellblechding ist anstrengender als der Aufstieg. Eine dritte Variante kommt ins Spiel: Der Aufstieg über die italienische Seite, über die Ref. Gonella. Einziger Haken: In der Aufstiegsnacht 800 Höhenmeter mehr. Wir beschließen, die nächsten Tage und vor allem das Wetter abzuwarten. Details und Tourbeschreibung.

 

Cosmique Grat am Mont Blanc

Cosmiques Grat am Mont Blanc

Mont Blanc Normalweg Tag 3: Cabane du Trient (3.170 Meter) auf die Aiguille du Tour (3.544 Meter)

5 Uhr. Bernd weckt mich. Obwohl nur sechs Stunden Schlaf möglich waren, fühle ich mich ganz anders als auf der Albert 1er. Das Lager war nur halb voll und der Standard der Hütte ähnelt eher einem Berggasthof mit Alpenpanorama, denn, der zum Glück bald renovierten Hütte mit Jugendherbergscharakter 400 Meter tiefer. Die Akklimatisierung schreitet voran, das spürt man deutlich. Das Frühstück ist wie immer einfach, aber richtiger Kaffee, gepaart mit ein bisschen “Schweizer” Streichkäse, bringen die Lebensgeister wieder. Aufbruch ist um 6 Uhr. Der Sonnenaufgang legt den völlig wolkenfreien Blick auf die Berge der Hochsavoyen frei. Einfach nur traumhaft. Der Trientgletscher baut sich unterhalb der etwas erhöht liegenden Hütte auf. Der Sonnenaufgang macht sich bereit und Bernd und ich auch. Gamaschen, Steigeisen, Klettergurt. Treffen vor der Hütte. Stefan checkt kurz und knapp die für ihn wesentlichen Dinge. Dann stapfen wir los. Die Sonne geht auf. Ein traumhafter Blick auf die weichen, durch die aufsteigende Sonne in ein Bergfestival getauchten Gipfel, wird frei. Ein paar Fotos später steigen wir unangeseilt auf den Trientgletscher ab. Beim ersten Gegenanstieg legt Stefan Bernd und mich an die “lange” Leine. Ein leichter Wolkenschleier zieht über den Gletscher und wird immer wieder durchbrochen und vertrieben von der Kraft der aufsteigenden Sonne. Dem Himmel so nah. Stimmt hier oben sogar wortwörtlich. Die langsam aufgehende Sonne wird stärker und stärker und verdrängt immer mehr die Wolkenschwaden, die über dem Gletscher hängen. Das gesamte Gipfelpanorama, gestern noch im Nebel gar nicht zu erkennen, eröffnet sich vor uns. Ich stapfe am Seil hinter Bernds langen Leine hinterher und genieße die Ausblicke. Quasi flach durchqueren wir dir ersten 45 Minuten bis an den Rand des ersten Anstieges. Stefan lässt uns kurz stoppen – zu wärmende Kleidung verschwindet im Rucksack. Weiter geht’s. Das Ziel, die Aiguille du Tour,  baut sich majestätisch vor uns auf. Der Aufstieg verläuft in Stefans Spur, die er ideal in den Gletscherhang legt. Durch die voranschreitende Akklimatisierung merkt man kaum, das man sich in circa 3.300 Metern bewegt. Spalten sind nicht zu sehen. Einfach noch zu viel Schnee hier oben. Als der Hang sich über 35 Hang neigt, lässt Stefan kurz stoppen und das  Seil “kürzen”. Sicher ist sicher. Wir gehen die letzten 30 Minuten bis zum Rande des Einstiegs in gutem und zügigem Tempo.

Bernd ist ein guter Kletterer, hat sogar früher als Kletterführer gearbeitet. Stefan klettert privat im 8 Grad. Ich nicht. Mir schwant nichts gutes. Ich kenne die Aufstiegsroute, aber wir entscheiden uns, die anspruchsvollere rechte Variante mit wenig Verkehr zu nehmen. Rucksack bleibt unten, auf den Pickel, fertig, los. Wir gehen den steilen Schneehang hoch. Die beiden sind in ihrem Element. Ich zockle hinten rum, Bernd gibt mir noch ein paar Tipps. Endlich erreichen wir die Felsen. Stefan kraxelt im 2-3 Grad voran, sichert, Bernd und ich hinterher. Eigentlich alles gut, denke ich, bevor Stefan an einem Vorsprung nach rechts abbiegt. Ich sehe ihn nicht mehr. Bernd hinterher, das Seil zieht mich dahin, wo ich nicht hin will. Zu einer Rinne, die ich gar nicht mag. Mir wird klar, das ich hier durch muss. Aber wie? Stefan ist bereits um die Ecke, sichert uns beide und Bernd geht voran. Ich sehe nur noch Rinne und Abgrund. Gefühlte 1.000 Meter Abgrund. Bernd kommt zurück. “Du schaffst das, komm”.  Ich versuchs, Pickel oben, Rinne und Abgrund unten. Ich drehe um. Meine dauerluxierte Schulter lässt mich vorsichtig sein. “Ich zeig dir die Tritte” ruft Bernd. Ich nehme einen neuen Anlauf. Gemeinsam kraxeln wir durch die Rinne, kurz ducken und um den Felsen und an der anderen Seite wieder mit dem Pickel sichern. Ich fühle mich wie im Kletterkindergarten, aber ich bin immerhin hinter diesem Felsen. Oben sehe ich Stefan. Er hat alles im Griff und sichert uns. Irgendwann hab ich es geschafft. Ich sitze auf dem Felsen neben Bernd und puste durch. Für die beiden war das gar nichts, für mich Grenzverschiebung.

Wir gehen auf den Gipfel. 3.544 Meter . Zum ersten Mal baut sich der Mont Blanc im Hintergrund vor uns auf. “Le Monarch” lässt von gegenüber grüßen. Innerlich gehe ich 7 Monate zurück. Der Aufstieg über den Goulloir wird diesmal anders aussehen.

Wir steigen ab. Über die “Normalroute”. Unten sammeln wir unser Rückengepäck wieder ein und beschließen, die steilere Variante über den “Pissoir” zu nehmen. Der Name ist Programm. Es spült einen förmlich nach unten. Östlich wird der Blick frei auf den Mont Blanc-Sattel und die Aiguille du Midi. Der Plan für den restlichen Nachmittag steht. Wir steigen über die Albert 1er ab, haben circa 3 Stunden Zeit, ein paar Dinge zu organisieren und fahren dann über die Aiguille du Midi bis auf 3.842 Meter hinauf. Dann der Abstieg zur Refuge des Cosmiques und eine weitere Nacht zum optimalen akklimatisieren auf 3.600 Meter.

Gesagt getan. Leider merke ich, das ich viel zu wenig getrunken habe, und der 3-stündige Abstieg in der Sonne tut sein übriges. Ziemlich kaputt komme ich wieder in Le Tour an. Selbst schuld, denke ich.

In Chamonix kaufe ich so ziemlich alles an elketrolydischen Getränken auf. Ein Cappuccino später sitzen wir in der Gondel von Chamonix auf die ehemals höchste Bergstation auf 3.842 Meter. Der kurze Abstieg über den Grat und zur Hütte hinauf fällt mir schon schwer. Was entschädigt, ist der sensationell Sonnenuntergang auf der “Dachterasse” der Cosmiques Hütte. Ein Wolkenmeer umgibt die Gipfel. Der Sonnenuntergang auf der “Aussichtsplattform” ist sensationell. Dennoch merke ich, das ich dehydriert bin und Kopfschmerzen bekomme. Ich ärgere mich, das ich Bernd und Stefan nicht nach Getränken gefragt habe – oder auf der Albert Premiere nochmals die Flaschen aufgefüllt habe. Ich trinke was ich in die Finger bekomme. Stefan, Bernd und ich besprechen die Aufstiegsroute. Eine Störung ist für den Donnerstagnachmittag und den gesamten Freitag angesagt. Das Zeitfenster für den Aufstieg ist damit klar: morgen. Mist denke ich. Zwei Alternativen liegen auf dem Tisch. Die italienische Seite, oder, Rückkehr zur Cosmiques Hütte und dann über den Col du Midi, Mont Blanc du Tacul, Mont Maudit bis zum letzten Anstieg unterhalb des Gipfels und hinauf. Wir entschließen uns für die kürzere Variante und damit die Rückkehr auf die Cosmiques morgen Nacht. Die Zimmer werden reserviert. Gleich nach dem Essen gehe ich ins Bett und hoffe auf die Nacht und die Regeneration. Details und Tourbeschreibung.

 

Mont Blanc - Sonnenuntergang

Mont Blanc – Klettern am Trient Gletscher

Tag 4: Aiguille du Midi – Chamonix – Aiguille du Midi

Ich wache auf wie gerädert. Über Nacht ist nichts besser geworden, eher schlimmer. Da wir nur gut 300 Höhenmeter, eine Tal- und anschließende Bergfahrt vor uns haben, lassen Stefan und Bernd mich liegen. Ich muss mich entscheiden. Entweder, ich fahre mit hoch und gehe mit, oder ich bleibe unten in Chamonix. Gefühlt bleibe ich unten, beschließe aber, den letzten Aufstieg über den Grat als “Gradmesser” zu nehmen, wie ich mich fühle. Bernd und Stefan warten in der prallen Sonne mit besten Ausblick auf die Grandes Jorasses und den Glacier du Geant. Zu allem Überfluss stelle ich fest, das mein Optiker mit Kontaktlinsen im Plus statt Minus verkauft hat. Ich sehe nichts mehr, lasse mich in die Mitte nehmen, da mir der Grat für diesen Zustand zu schmal ist. Wir gehen gemütlich gen Aiguille du Midi, trotzdem merke ich, das der gestrige Tag Nachwirkungen hat. Kopfschmerz und die Symptome eines Hitzeschlages. Kenne ich gut und ärgere mich noch mehr. Oben angekommen entschließen wir uns, einen Kaffee zu nehmen. Nach reiflicher Überlegung und Einschätzung meiner Situation entschließe ich mich, nicht den Gipfel mit zu gehen. Bernd ist fit, und ich war vor sieben Monaten oben – und mein Zustand ist bei gefühlten 80 Prozent. Bei einem Abbruch hätte Stefan keine Wahl und wir müssten gemeinsam umkehren. Ein Gedanke, den ich nicht mag. Ich bitte Bernd am nächsten Tag, mir seine Gedanken beim Aufstieg zu schildern und bleibe die Nacht über in Chamonix. Details und Tourbeschreibung.

 

Mont Blanc - Gipfel bei Sonnenaufgang

Mont Blanc – Gipfel bei Sonnenaufgang

Mont Blanc Normalweg: Tag 5: Refuge des Cosmiques – Mont Blanc – Chamonix

1.30 Uhr. Der Alarm vom Handy geht an. Nach gut 3 Stunden Schlaf heißt es aufstehen und den am Vorabend schon zurechtgestellten Rucksack aus dem Lager nehmen. Stefan ist schon am Frühstückstisch. Am Vorabend hatten wir die Aufstiegszeit auf 2 Uhr angesetzt. Die Hütte bietet eine “Early Bird” Frühstück an, da von hier die meisten Gipfelseilschaften losgehen. Punkt 2 Uhr stehen wir im sternenklaren Nachthimmel vor der Hütte. Die beiden Stirnlampen erleuchten die drei Meter Schnee vor uns. Die ersten Schritte der Mont Blanc Besteigung sind etwas ungewohnt. Müdigkeit, schlechte Sicht – erstmal den Rhythmus finden. Das erste Etappenziel, den Tacul auf  4.187 Metern konnten wir schon von der Hütte die letzten beiden Tage bewundern – samt Aufstiegsroute. Und die hat es in sich. 600 Meter Kaltstart. Wir kommen gut voran, auch wenn die Müdigkeit nicht ganz aus den Knochen ist. Im Zurückblicken entdecken wir zahlreiche andere Seilschaften an ihren Stirnlampen, die sich langsam zum Tacul hochquälen. Wir sind die erste Gruppe und die Aussicht, auch den Gipfel alleine für uns zu haben, beflügelt. Zweite Etappe: Mont Maudit, mit 4.300 Metern noch ein Stück höher. Aber es läuft bereits besser, auch wenn sich noch kein Tageslicht bemerkbar macht. Stefan bestimmt das Tempo, hört und fühlt, wie die Verfassung am hinteren Seilende ist und passt die Geschwindigkeit immer wieder an, ohne zu langsam zu werden. Kurz nach dem Maudit passieren wir die technisch schwierigste Stelle, einen 45 Grat-Hang, den man mit Seilsicherung in zwei Zügen absteigen muss. Durch die hohe Schneelage und fest-vereister Stufen ist die Stelle entschärft. Körner und Zeit können gespart werden. 30 Minuten später stehen wir am letzten Aufstieg zum Gipfel – dem Petits Mulets. Das Ding geht zwar gleichmäßig steil hinauf, aber auch gleichmäßig lang. Ich weiß nicht, wie viele Bergsteiger diese letzte Rampe in ihrem Leben in die Hölle geflucht haben. Ab 4.000 Metern hat die Lust hier oben nur noch 50 Prozent des Sauerstoffs im Tal. Wir sind bereits bei 4.500. Das erste Tageslicht zieht von Osten her auf. Immer wieder erreichen wir kleine Höcker und denken, das muss er sein. Denkste. Wie gesagt, er zieht sich. Mit einem Mal dreht sich Stefan um. “10 Minuten noch” und deutet auf eine Kante. Wir sind die ersten, die Sonne geht gleich auf und trotz der dünnen Luft haben wir ein ordentliches Tempo drauf. 11 Minuten später ist es geschafft. Ihre Majestät erstrahlt im Sonnenaufgang – von ganz oben aus gesehen, ein wahrlich majestätischer Moment. Stefan und ich fallen uns in die Arme. Geschafft – und den Gipfel noch für uns ganz alleine. Tourdetails.

Danke an die Bergschule Alpinewelten - Die Bergführer, das ich die Möglichkeit hatte, diese Tour und die Mont Blanc Besteigung mit zu gehen und Stefan und Bernd, für 5 tolle Tage im Mont Blanc Massiv.

Video Mont Blanc Besteigung

 

Stefan Biggel - Berg- und Skiführer bei der Bergschule Alpine Welten

Stefan Biggel – Berg- und Skiführer bei der Bergschule Alpine Welten

Mont Blanc Normalweg: Interview mit Stefan Biggel – Bergführer Alpine Welte – Die Bergführer

Stefan Biggel ist staatlich geprüfter Berg- und Skiführer an der Bergschule Alpine Welten und verfügt über langjährige Bergerfahrungen. Neben seinem Beruf und seiner Leidenschaft, der Bergsteigerei, arbeitet er als Ingenieur am Institut für Lasertechnik in der Medizin und Messtechnik in Garmisch-Partenkirchen. Wir haben uns mit Stefan über seine Erfahrungen als Bergsteiger bei der Führung von Gästen bei einem Cappuccino in Chamonix am Rande der Mont Blanc Besteigung unterhalten.

Als Bergführer bei Alpine Welten – Die Bergführer bist du quasi das ganze Jahr über in den Bergen mit Gästen unterwegs. Ob Hochtouren, berühmte Gipfel oder Kletterein. Was ist für dich persönlich wichtig, wenn du mit Gästen in den Bergen unterwegs bist?

Die wichtigste Sache muss für uns Profis die Sicherheit unserer Gäste sein. Wenn wir alle gesund und unverletzt zum Tourenabschlußbier beieinander Sitzen können, habe ich meine wichtigste Aufgabe erfüllt. Haben die Gäste auf der Tour noch dazu Spaß gehabt und ihren bergbezogenen Horizont erweitert, waren die Tage ein voller Erfolg.

Für die Gäste ist die Besteigung eines Gipfels mit einem Bergführer oft ein lang gehegter Traum, der über Jahre entstanden ist. Die Reise ist geplant, die Besteigung des Traumgipfels in Sicht. Manchmal spielen aber äußere Faktoren ein wichtige Rolle bei der Besteigung eines Gipfels wie dem Mont Blanc oder des Matterhorns. Wie gehst du vor, um dem Gast möglichst bei seinem Ziel zu unterstützen, seinen Traumgipfel auch am Ende der Tour erreichen zu können?

Wichtig ist mir, dass man sich vor dem Gipfeltag ein paar Tage kennenlernt, auch Gäste die ich kenne sehe ich gerne vorher auf einer Eingehtour, um zu prüfen, ob sich im Laufe meist eines Jahres Änderungen in Technik oder Kondition vorhanden sind, 52 Wochen sind eine lange Zeit! So kann ich Tempo und Routenwahl perfekt auf die aktuellen Gäste abstimmen und das maximale Erlebnis bieten. Wenn alles passt und das Ziel dem Können angepasst ist, kann man vor allem durch organisatorische Flexibilität hilfreich sein. Ist nach der Eingehtour ein Gipfeltag in dem zu Verfügung stehenden Zeitfenster absehbar, bei dem Wetter und Verhältnisse gut sind, gibt es bei mir kein Programm mehr, dann wird Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, das wir an dem Tag am Gipfel stehen. Dazu muss man natürlich als Bergführer im Höchstmaß flexibel sein und auch das Gebiet gut kennen um auch alternative Besteigungsrouten in sein Kalkül einbeziehen zu können.

Eine gute Vorbereitung und Einschätzung seiner persönlichen Fähigkeiten sollte Voraussetzung sein, bevor man sich entschließt, eine Bergtour mit einem Anbieter oder Bergführer zu unternehmen. Welche Tipps kannst du geben, die eigenen konditionellen und technischen Fähigkeiten einzuschätzen?

Als erstes sollte man sich die Anforderungen genau durchlesen, die ein Veranstalter zu dieser Tour benennt. Hier sind meist technische und konditionelle Anforderungen konkret mit Zahlen angegeben. Man sollte sich auf diese beiden Anforderungen erst mal getrennt testen. Die Schwierigkeit der Kletterei kann man unter perfekten Bedingungen, d.h. ohne oder mit kleinem Rucksack, in nicht hochalpiner Umgebung, mit leichtem Schuhwerk, wie z.B.    Kletterschuhen, testen. Wenn die Traumtour eine fünfstündige hochalpine Westalpenkletterei im IV. Schwierigkeitsgrad ist, bei der man schwere Bergschuhe und einen Rucksack trägt, kann die Testtour problemlos eine zweistündige Kletterei im IV. oder V. Schwierigkeitsgrad mit kleinem Rucksack und Zustiegsschuhen im unvergletscherten Gelände unserer Nordalpen sein. Parallel dazu sollte man seine Kondition dann an einer Tour geringeren    Schwierigkeitsgrades testen. Erfordert die geplante Traumtour Kondition für 8 Stunden, darf man sich schon mit einer 10-stündigen Tour testen, die mindestens die gleichen Höhenmeter aufweist. Das Gepäck sollte ebenfalls ähnlich sein. Das kann zum Beispiel eine lange Wanderung im Allgäu oder Wetterstein sein. Ist man sich nicht sicher, ob man die Testtouren für sich selber sicher durchführen kann, rate ich erst zu Trainingstouren. Diese beginnen dort, wo ich sicher konditionell bin und wenn es nur ein viertel der geforderten Zielleistung ist. Diese steigern sich mittels Trainingsplan auf das geforderte Maß. Ist man mit der Planung des Trainings selber überfordert, gibt es teilweise auch Bergführer, die einen da unterstützten. Ich habe selber Gäste, die ich mehrere Male im Jahr begleite um sie für ein Ziel im Hochsommer fit zu machen. Ist einem das zu individuell, bieten wir von Alpine Welten auch Kurse für alle Bergtätigkeiten und Schwierigkeitsgrade an. Da kann man sich nochmal Fortbilden lassen und auch einen Profi befragen, ob man einer bestimmten Tour eventuell gewachsen ist.

Vorbereitung hinsichtlich Kondition, Technik und Material sollte vom Gast ernst genommen werden. Wie kann sich ein Gast optimal konditionell und hinsichtlich seiner Ausrüstung auf eine Tour vorbereiten?

Wie schon beschrieben ist das Trainieren nach Trainingsplan mit Testtouren in den einzelnen Abschnitten des Trainings optimal. Training kann auch problemlos abends nach der Arbeit stattfinden. Zwei Stunden Intervalltraining an einem Hügel bringen oft schon viel für die Kondition. Wenn man mal einen Tag Zeit hat, ist es aber unabdingbar, das auch mal eine tagesfüllende Tour gemacht wird. Ausdauer trainiert man halt am besten mit langen Touren. Ausrüstung ist natürlich sehr davon abhängig, was für eine Tour man sich als Traumtour ausgesucht hat. Meistens gilt im Bergsport, je neuer desto besser, da fast jedes Jahr eine Innovation der Hersteller kommt und in punkto Gewichtsoptimierung schon noch Fortschritte erzielt werden. Klar wird es in machen Bereichen auch übertrieben, wenn man zum Beispiel in der Tiefe der Profilsohle spart um 50 Gramm leichtere Schuhe zu produzieren. Wir geben in der Regel Ausrüstungslisten heraus. Diese sind schon recht aussagekräftig. Aber wenn bei speziellen Verhältnissen die Ausrüstung angepasst werden muss, kann das der Bergführer auch noch vor Ort machen, meist bedeutet dies, das man was im Stützpunkt lassen kann. Bei sehr großen Touren am Limit von dem, was der Bergführer noch sicher führen kann, das ist vor allem bei mehrtägigen Einzelführungen im schwersten Gelände so, ist dasindividuelle Gespräch zur Materialabstimmung Gast / Bergführer unbedingt nötig.

Eine Seilschaft ist für die Zeit des Projektes immer auch eine emotionale und kommunikative Einheit. Gibt es neben der Sicherheit für deine Gäste ein paar Grundregeln, die dir als Bergführer wichtig sind?

Sowohl der Bergführer, als auch der Gast, müssen ein authentisches und ehrliches Auftreten haben. Der Bergführer Marke “Alpenschrat” kann nicht den Pausenclown spielen, nur weil er Gäste der Marke “rheinische Frohnatur” hat, und umgekehrt. Bei mir persönlich ist es so, dass ich am Berg der Chef bin, da leg ich viel Wert darauf das meine Lösung umgesetzt wird. Aber auf der Hütte nehme ich mich gerne auch zurück. Klar kann ich mal eine Geschichte vom Stapel lassen,  möchte aber auch wissen was meine Gäste so machen, wo sie leben, einfach mit wem ich es zu tun habe. Sind irgendwelche Probleme vorhanden: organisatorisch, gesundheitlich oder psychologisch, welche einen Ablauf der Tour beeinflussen, so möchte ich das gerne zeitig wissen. Wir Bergführer haben für vieles eine Lösung, auch wen das für den Gast im Moment unmöglich scheint.

Die Woche oder Tag geht zu Ende, der Gast ist am Gipfel oder durch die Tour geführt. Was bedeutet dir als Bergführer dieser Moment?

Gipfelmomente sind für mich immer noch emotionale Momente, der perfekte Tag am Traumgipfel über eine perfekt ausgesuchte Route und die Freude im Gesicht meiner Gäste rühren bei mir manchmal auch noch eine Träne, Gott sei dank hab ich oft eine Sonnenbrille auf. Das Ende einer Tour erweckt bei mir immer das Gefühl der Dankbarkeit, zuerst dass wir alle Gesund unten im Tal angekommen sind, dann dass die Natur sich mal wieder so grandios gezeigt hat und gegenüber meinen Gästen dass sie mir die Tage ihr Vertrauen geschenkt haben. Der Abschied nach einer Tour bei der alles nach besten Möglichkeiten verlaufen ist fällt mir oft schwer, da mir meistens die Gäste sehr ans Herz wachsen, gerade wenn es ein 5- oder 6-tägige Führung mit einer sehr kleinen Gruppe war. Der Trost ist, dass die meisten Gäste immer wieder mit mir unterwegs sein möchten. Man sieht sich also immer wieder.

Neben deiner professionellen Tätigkeit als Bergführer – du hast eine Woche frei und kannst deinen Hobbies nachgehen. Couch oder Berge?

Berge! Da ich ein leidenschaftlicher Kletterer bin und in der Funktion als Bergführer oft nicht so viel zum reinen Felskletteren komme, genieße ich meine freien Tage in schweren, steilen, sonnendurchfluteten Wänden unserer Alpen.

Weiterführende Links: Mont Blanc Normalweg / Mont Blanc Besteigung

97%
97%
Schwierigkeit

Der Mont Blanc liegt in der Mont-Blanc-Gruppe, einer Gebirgsgruppe der Westalpen, die ihrerseits uneinheitlich unter die Grajischen Alpen oder die Savoyer Alpen subsumiert wird. Sowohl Frankreich als auch Italien haben Anteil an dem Berg, wobei der Grenzverlauf auf dem Mont Blanc seit langem umstritten ist. So beansprucht Frankreich die Gipfelregion des Mont Blanc für das französische Département Haute-Savoie, das auch die Bergwacht und Verwaltung übernimmt. Hingegen wird von Italien die Auffassung vertreten, die Grenze verlaufe genau über den Gipfel. Somit wäre der Mont Blanc nach italienischer Sichtweise sowohl der höchste Berg Frankreichs als auch Italiens, nach der französischen Sicht hingegen wäre der vorgelagerte Mont Blanc de Courmayeur der höchste Gipfel Italiens. Im Norden des Mont Blanc liegt das Tal der Arve mit dem Touristenzentrum Chamonix. Dieser Ort ist auch einer der wichtigsten Stützpunkte für die Mont Blanc Besteigung. Im Nordwesten befinden sich mit Saint-Gervais-les-Bains und Les Houches zwei weitere wichtige Ausgangspunkte für Touren am Mont Blanc, im Südosten liegt die italienische Ortschaft Courmayeur im Aostatal.

  • Kondition
    10
  • Technik
    9
  • Landschaft
    10
  • War der Artikel hilfreich?
  • Bewertungen (3 Stimmen)
    8
Der Mont Blanc Normalweg: Auf das Dach der Alpen – ein Erlebnisbericht: 1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
4,63 von 5 Punkten, basierend auf 8 abgegebenen Stimmen.
Weitersagen:

Kommentare